Angebot oder Einmischung?

Mein persönlicher Aufreger der Woche kam von Apple und Facebook aus den USA. Beide Unternehmen haben sich überlegt, wie sie Ihren Frauenanteil steigern könnten und hatten einen (ihrer Meinung nach) genialen Einfall: Sie wollen ihren weiblichen Mitarbeitern das Einfrieren ihrer Eizellen bezahlen, damit sie in Ruhe Karriere machen und später, wenn es denn mal passen sollte, Familienpause machen können. Genaueres kann man unter anderem hier nachlesen.

Ich frage mich: Muss man seinen Mitarbeiterinnen wirklich suggerieren, dass späte Schwangerschaften ausdrücklich erwünscht sind, sogar so sehr, dass die Unternehmen sich diese bis zu 20.000 Dollar kosten lassen? Und wie lange muss man die Eizellen einfrieren, um gesponsort zu werden? Reicht ein Jahr oder sollten es mindestens fünf sein?

Es ist ja nicht gerade so, dass man mal eben nebenbei ein paar Eizellen einfriert. Die Patientinnen müssen sich regelmäßig Hormone spritzen, damit für die Entnahme genügend Eizellen heranreifen. Und die Erfolgschancen bei einer künstlichen Befruchtung sind nicht gerade der Brüller, im schlimmsten Fall entwickelt sich kein lebensfähiger Embryo. Hinzu kommt, dass Mutterschaft mit steigendem Alter nicht gerade einfacher wird. Die Risiken in der Schwangerschaft und bei der Geburt steigen, und auch die ersten Jahre verlangen dem Körper viel Kraft ab. Das fällt einer 20-Jährigen natürlich leichter als einer 40-Jährigen. Ganz abgesehen davon, dass späte Mütter in der Regel leider weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen dürfen als junge Mütter.

Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen späte Mütter. Die Entscheidung, wann frau Mutter wird, ist eine höchst persönliche, in die ich mich niemals einmischen würde.

Aber das Angebot, den Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen, finde ich problematisch. Sicherlich werden sich die Mitarbeiterinnen freuen, die aus gesundheitlichen Gründen sowieso auf diese Prozedur zurückgegriffen hätten. Oder die, die bisher noch nicht den richtigen Partner gefunden haben. Oder auch die, die wirklich erst ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen, bevor sie Kinder bekommen. Aber was ist mit denen, die ihre Kinder gerne heute Abend im Bett zeugen würden? Die nicht als streng überwachte Risikoschwangere enden wollen? Diese Frauen könnten sich unter Druck gesetzt fühlen: Wir bieten dir eine Alternative, wenn du sie aus sentimentalen Gründen nicht annimmst, bist du selber schuld.

Tatsächlich ist das doch das Hauptproblem an der Geschichte. Es entsteht der Eindruck, dass das Einfrieren der Eizellen eine gute Idee sei, die deshalb gefördert wird. Es klingt wie eine Aufforderung. Sollte man aber nicht lieber versuchen, die Rahmenbedingungen zu ändern, die übrigens auch Vätern zu Gute kämen? Flexible Kinderbetreuung im Haus, flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle usw.?

Natürlich gibt es ein Problem, das all diesen Überlegungen zugrunde liegt: Die gesellschaftliche Akzeptanz von arbeitenden Müttern. Wie auch in Deutschland tobt in den USA ein regelrechter Kampf zwischen den working moms und stay at home moms. Die einen müssen sich vorwerfen lassen, schlechte Mütter zu sein, die anderen gelten als faul. Es gibt dort weder Elternzeit noch Elterngeld und keinen gesetzlichen Anspruch auf Kinderbetreuung, weshalb viele Mütter nach der Geburt einige Jahre zu Hause bleiben müssen. Wer spät Kinder bekommt hat also die Möglichkeit, ein finanzielles Polster aufzubauen, das es einem erlaubt, über den Mutterschutz hinaus zu Hause zu bleiben und sich dann eine Kinderbetreuung suchen zu können.

Fairerweise sollte man erwähnen, dass beide Konzerne sich auch um diese grundlegenden Probleme kümmern. Facebook zum Beispiel schreibt: „We offer paid parental leave, help with daycare and adoption fees and $4,000 “baby cash” for your new arrival.“ Das klingt doch nett. Aber solche Angebote sind bestimmt kein Akt purer Nächstenliebe. Die großen Internetkonzerne buhlen um die Besten der Besten, und versuchen sich mit allen Mitteln als begehrenswerten Arbeitgeber zu präsentieren.

Natürlich machen Facebook und Apple hier nur ein Angebot, welches aber leider den Zeitgeist widerspiegelt. Zudem mischen sie sich in einen höchst intimen Bereich ihrer Mitarbeiter ein. Emma Barnett hat dieses Problem sehr schön zusammengefasst:

Women and men must take the decision about when to have a child based on when it’s right for them – not when it suits the company they work for.

Weiterlesen:

Ein interessanter Artikel über das sogenannte social freezing.

Zwei kritische Kommentare habe ich hier und hier gelesen.

Hannah Wilhelm hingegen findet den Vorstoß gut und kann nichts Verwerfliches daran finden, genauso wie Teresa Brücker.