Komplimente

Es gibt Eltern, die sammeln Komplimente. Das geht einfacher, als man denkt. Man spreche einfach wildfremde Eltern an und lobe die Vorzüge deren Kindes. „Ihr Sohn ist ja schon groß für sein Alter.“ „Wow, der Kleine hat ja wunderschöne Augen! Zum Verlieben!“ Sowas hört man natürlich gerne. Und ich, so wohl erzogen wie ich bin, antworte dann natürlich auch mit einem Kompliment. Irgendetwas findet sich immer, und wenn man nicht so genau weiß, was man jetzt loben soll, sagt man einfach: „Ihre Kleine ist aber auch ein süßer Fratz!“ Und schon leuchten fremde Elternaugen, und im schlimmsten Fall ist man in einem belanglosen Smalltalk über Kleinkinder gefangen. Die natürlich alle furchtbar süß und anstrengend sind, und abends nicht einschlafen wollen.

Beliebt sind auch Sätze wie “Sagen Sie, ist Ihr Sohn eigentlich auch schon in der Trotzphase?” oder „Passiert es Ihnen auch, dass andere sagen, ihr Sohn sei zu dick?“ So dreist erschleichen sich manche Eltern ein Kompliment. Denn so wird erst etwas rumgejammert, und der ratlose Gesprächspartner antwortet etwas in der Art von „Ach was, Ihrer ist doch ein ganz schlankes Kind!“ Eine Frechheit, wie ich finde! Kostenlose Komplimente, das geht gar nicht.

Ich gebe zu, ich bin da auch nicht besser als Andere. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, jemals nach Komplimenten gefischt zu haben, aber ich würde auch nicht darauf schwören, es noch nie getan zu haben. Wir bekommen doch alle gerne Komplimente! Und wer mein Kind lobt, lobt auch selbstverständlich auch mich! Noch schöner ist nur, selber gelobt zu werden.

Das schönste Kompliment bekam ich im Januar in der Notaufnahme. Damals hatte mein Sohn mir beim Spielen mit seinem Schädel fast die Nase zertrümmert, und ich dachte ernsthaft, meine Nase sei gebrochen. Das war ein echtes Drama für mich! Ein Bekannter sagte mal zu mir, ich hätte die perfekte Nase! Wunderschön! Da ist man dann natürlich sehr stolz drauf und bildet sich auch ein wenig was drauf ein.

Als ich schließlich an der Reihe war, berichtete ich der HNO-Ärztin zunächst einmal vom Tathergang. Leider bekam ich nicht gerade viel Mitleid von ihr. Sie sagte, die meisten Nasenbrüche, die sie zu behandeln hätte, hätten Kleinkinder zu verantworten! Nur die wenigsten stammen von Prügeleien. Das hat mich irgendwie geschockt. Elternschaft ist saugefährlich. Echt wahr.

Die Ärztin jedenfalls erkundete meine Nase mit einem bizarren Nasenaufklappinstrument von innen, und fragte mich, ob ich diese in der Vergangenheit hätte richten lassen. Ich verneinte. Und sie sagte, sie müsse mir dann wirklich zu meiner von innen wunderschön gerade gewachsenen Nase gratulieren! Sowas kenne sie sonst nur von OP-Nasen! Boah, war ich stolz! Und ich muss sagen, noch nie habe ich ein so schönes Kompliment bekommen!

Die Nase war übrigens nicht gebrochen. Ich kam mit einem leichten Schädel-Hirn-Trauma davon, und reagiere bis heute panisch, sobald das Löwenkind sich mit dem Kopf voran in meinen Arm werfen will. Nicht, dass er mir doch noch meine Nase ruiniert.

Die Zicke

Letztens im Supermarkt. Ich schiebe meinen Kinderwagen arglos durch die moderat gefüllten Gänge. Vor dem Milchregal treffe ich auf ein kleines, dünnes Mädchen. In den Händen hält sie eine große Dose Gummibärchen. Man könnte ja meinen, das sorge für gute Laune. Aber sie starrt mich mit einen zugleich entschlossenen, wütenden und trotzigen Gesichtsausdruck an. Ich lächle sie an und stelle ihr das Löwenkind vor, welches tiefenentspannt in seinem Kinderwagen lümmelt und sie beobachtet. Sie stapft auf uns zu und betrachtet ihn, verzieht dabei keine Miene. Sie ist vielleicht drei, höchstens vier Jahre alt. Mein Kind scheint sie nicht weiter zu interessieren, sie stampft zurück vor meinen Wagen und macht sich breit.

Ich denke mir meinen Teil und will an ihr vorbei steuern. Doch sie tritt zur Seite, versperrt mir den Weg, starrt mich weiterhin trotzig an. Ich bin verwirrt. Was will sie? Ich versuche wieder die andere Seite, sie stellt sich vor den Wagen. Als ich sie gerade fragen will, wie wir das Problem lösen können, brüllt ihre Oma nach ihr.

„ZICKE!“

Wie bitte?

„ZICKE! GEH AUS DEM WEG!“

Ich bin sprachlos. Die Oma stürmt an mir vorbei, zieht das Kind am Arm hinter sich her und schimpft auf sie ein. Ich stammle noch, dass doch nicht schlimm sei, aber ich bin nicht von Interesse.

Jetzt verstehe ich das Kind.