Wir stauben dann mal den Feminismus ab

Jahrelang habe ich mich über die Feminist*innen beschwert. Mein Problem mit ihnen: Sie vergessen die Männer. Denen geht es in unserer Gesellschaft nämlich auch nicht supergut. Oft hatte ich den Eindruck, dass der Feminismus die Frauen immer stärker machen und am Besten die Männer hinter sich zurücklassen möchte. Und wer kümmert sich darum, dass auch mal Jungs weinen dürfen? Dass auch Jungs rosa Überraschungseier kaufen dürfen? Dass auch Jungs mit Haarrschmuck einkaufen gehen dürfen, ohne dass ihre Mütter dafür bedroht werden?

In der letzten Zeit musste ich jedoch einige Fehler in meinen alten Gedankengängen erkennen und zugeben, was mir ehrlich gesagt nicht gerade leicht fiel.

Im Studium besuchte ich eine Einführungsveranstaltung für Soziologie, in der jede Woche ein anderer Bereich vorgestellt wurde. Die Vorlesung über Gender Studies enttäuschte mich – wieder verlor man kein Wort über Männer. Warum heißt es dann Gender, wenn es nur um Frauen geht, fragte ich mich, und legte das Thema erst mal ad Akta. Interessant wurden die Gender Studies für mich wieder im Hauptstudium, als ich ein Seminar mit dem Thema „Gesundheit in Japan“ besuchte. Ich entschied mich für den Gesundheitsboom, auch kenkō buumu (jap. 健康ブ-ム), im Zusammenhang mit Frauenkörpern in Japan. Was ich da las, machte mich sauer. Ich will darauf jetzt nicht näher eingehen, da tun sich Abgründe auf, die ich gerne in einem separaten Beitrag erläutere, aber zusammengefasst kann man sagen: Je dünner, umso besser, denn je weniger Platz Frau in einem Raum einnimmt, umso besser. Und das gilt nicht nur für japanische Frauen, man schaue zum Beispiel nur mal hier oder hier.

Seitdem hat sich mein Weltbild geändert, man wird ja auch älter. Früher dachte ich, ich wäre schon sehr gleichberechtigt in dieser Gesellschaft, schließlich haben wir eine Bundeskanzlerin, und bei der Eheschließung kann auch der Nachname der Frau als Familienname gewählt werden. Das ist ja auch toll, aber ich bin weder Bundeskanzlerin, noch habe ich meinen Mädchennamen behalten (das Wort an sich ist übrigens auch so ein Ding, heißt das bei Männern dann Bubenname?), was ich allerdings gerne getan habe, aus gewissen „familienpolitischen“ Gründen. Und wenn ich mal so drüber nachdenke, fallen mir einige Begebenheiten in meinem Leben ein, die erahnen lassen, dass wir Frauen immer noch mit Vorurteilen und Ungleichbehandlung zu kämpfen haben:

  • Mit etwa fünf Jahren durfte ich nicht mit Pfeil und Bogen meines besten Freundes spielen, „weil ich ein Mädchen sei“. Ich habe die Freundschaft beendet. Ha! Und jetzt soll mir keiner mit dem Argument kommen, dass Kinder eben so sind. Der Junge hat gerne mit mir gespielt. Er muss irgendwo gelernt haben, dass Mädchen bestimmte Dinge nicht dürfen, weil sie Mädchen sind.
  • Als 18-Jährige entdeckte ich das Fechten für mich. Wer sich nicht auskennt: Man unterscheidet zwischen Florett- und Säbelfechten. Mein Ziel war es, eines Tages Säbel zu fechten, ich fand es cool und es versprach auch mehr Action. Mein Trainer erklärte mir allerdings, dass Frauen nicht Säbelfechten dürfen. Da könne er nichts machen, das sei eben so. Und somit beendete ich dann (leider) auch meine Fechtkarriere.
  • In einer Vertiefungsübung in der Uni (Diashow mit Reisfeldern! Und Reisfeldern! Und noch mehr Reisfeldern! Yay!) wagte ich es, mit einer Freundin zu tuscheln. Daraufhin beugten sich zwei junge Männer hinter uns nach vorne und einer sagte: „Ihr Frauen solltet froh sein, dass ihr heutzutage überhaupt in die Universität gehen dürft, also haltet lieber den Mund.“ Ich weiß leider nicht mehr, was ich antwortete. Es war aber laut, das Wort Titten kam darin vor, und ich brachte den Spinner zum Schweigen. Ebenso übrigens den Professor, der meine Antwort auf jeden Fall gehört hatte, es aber vorzog, nichts dazu zu sagen und weiter im Text machte. An einer Bitte, die Klappe zu halten, ist nichts auszusetzen, das habe ich auch schon tun müssen. Aber das hat nichts mit meinem Geschlecht zu tun!
  • Eine ähnliche Situation erlebte ich bei einem Blockseminar zum Thema Innenpolitik in Japan, ich hatte irgendwie das Thema „Frauen in der Politik“ erhalten. Ein Typ neben mir (der Name ist der Autorin bekannt) erzählte mir nach meinem Vortrag, als ich wieder auf meinem Platz saß, allen Ernstes, dass Frauen sich lieber aus der Politik raus halten sollten, da sie sich sowieso nicht gegen Männer durchsetzen könnten. Diese Person hat sich nach meiner Antwort nie wieder getraut, mit mir zu sprechen.
  • In Japan beobachteten eine Freundin und ich an einem Bahnhof im Großraum Tōkyō, wie ein Oberschüler seine Freundin beschimpfte und ihr immer wieder mit der flachen Hand gegen den Kopf schlug. Niemand schritt ein. Keiner hat auch nur hingesehen. Wir rannten auf die beiden zu, schrien den Kerl auf Japanisch und Deutsch an und das Mädchen konnte wegrennen. Er wollte ihr folgen, und wir konnten ihn nur noch kurz festhalten, bevor er wirklich davon kam und hinter ihr her rannte. Wahrscheinlich haben wir der Armen damit keinen Gefallen getan, unser Plan war es ursprünglich, die Polizei zu holen. Aber die ist in Japan nicht gerade zuverlässig, wenn es darum geht, Frauen vor Männern zu schützen. Die Sache ging irgendwie in die Hose, und das tut mir heute so unendlich leid.

Ich könnte noch so einige Erlebnisse in die Liste aufnehmen. Wenn ich dann noch anfinge, aufzuschreiben, was mir andere Frauen unterschiedlichen Alters so berichtet haben, würde die Liste sicherlich einige Meter lang. Und die Punkte in meiner Liste sind im Vergleich dazu wirklich harmlos. Fakt ist aber, dass alle Frauen, die ich kenne, Diskriminierung, Ungleich- oder Sonderbehandlung aufgrund ihres Geschlechtes erfahren haben, und deshalb frage ich mich:

Wie kann man als Frau keine Feministin sein?

Wie kann man nicht Gleichbehandlung fordern wollen? Wie kann man die Achseln zucken, wenn der Kollege trotz gleicher Qualifikation 20% mehr verdient? Wie kann man nicht dafür eintreten wollen, die gleichen Karrierechancen wie Männer haben zu wollen?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass auch für die Rechte der Männer gekämpft werden muss. Allerdings weiß ich heute, dass das eine andere Baustelle ist. Es ist wohl kaum möglich, beides in einem Zug zu erreichen. (Wer es besser weiß, hinterlasse bitte einen Kommentar. Ich lerne gerne dazu!) Ich habe mich bisher nur auszugsweise mit feministischen Theorien beschäftigt, aber vielleicht sollte ich so langsam mal damit anfangen. Damit ich auch mitreden kann. Und dann widme ich mich den Jungs.

Nachdenken:

#YesAllWomen / Pille danach / Project Unbreakable / Hebammen / Gender Pay Gap

Weiterlesen:

Katja berichtet auf futblog.at über ihre Zeit als Antifeministin.

Das Nuf ist jetzt wohl auch Feministin.

Julia Korbik (2014): Stand up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene. Berlin: Rogner & Bernhard. ISBN: 978-3954030446 . Ganz frisch erschienen, Rezensionen findet man zum Beispiel hier oder hier.

Und weil man auch bei ernsten Themen mal lachen darf: Hier und hier gibt es Tipps, was man beim Thema Bikini Body beachten sollte.

4 thoughts on “Wir stauben dann mal den Feminismus ab

  1. Ein unglaublicher Post, der auch ein bisschen Gänsehaut hinterlässt, gerade bei deiner Frage: Wie kann man als Frau keine Feministin sein?
    Ich glaube, das Feminismus ein so schlechtes Image hat, liegt teils an seiner Definition in der es nur um Frauen geht, teils daran, das er in den Gender Studies einen zu großen Platz einnimmt und teils einfach, weil keine Macht gerne das Zepter abgibt, also wird die Sache schlecht gemacht

    Jedes Mal wenn im Studium Gender Studies thematisiert werden (an meiner Uni versucht man das Ganze ein bisschen mit mehr Tiefe zu betrachten und nicht nur auf Frauen und Männer sondern auch auf Transsexuelle einzugehen. Immer noch zu wenig, aber immerhin), meldet sich irgendein Mädchen und sagt: „Ich weiß gar nicht wieso wir noch darüber reden. Ich finde langsam ist auch mal gut“ und ich könnte ihr eine reinhauen. Sie hilft all den Kerlen, die meinen ich soll die Finger von ner Bohrmaschine lassen, die meinen ich kann nicht Autofahren nur weil ich es hasse in der Großstadt zu fahren (Landei hier!), die mir die Arbeit abnehmen, weil sie glauben ich schaffe es nicht nen dämlichen Topf zu tragen (Nebenjob Großküche) weil ich ein Mädchen bin. Und damit macht sie sich selber klein und unwichtig und gibt sich zufrieden mit dem derzeitigen Status an dem definitiv noch gearbeitet werden muss.

    Meine 2 Cent.
    Übrigens ist das hier ein wirklich toller Blog. Ich bin froh das ich heute darüber gestolpert bin :)

    Liebe Grüße,
    Suey

    1. Ah, den letzten Satz hab ich vergessen wieder zu Löschen 😛 shit, das man das nicht nachträglich bearbeiten kann :/ … es sei denn du kannst da????

    2. Du hast auf jeden Fall recht wenn du sagst, dass der Feminismus in der Gender-Debatte eine zu große Rolle einnimmt. Das war ja auch immer mein Problem. Männer stecken ja genauso tief in den Geschlechterrollen fest und kommen da nicht raus, ohne ihre „Männlichkeit“ einzubüßen. Und mit Transgender kann der Großteil der Gesellschaft so gar nichts anfangen, weil sie in keine der beiden Kategorien passen. Die ganze Angelegenheit ist unglaublich verzwickt.
      Solchen Frauen wie in deinem Seminar hätte ich auch einiges zu sagen. Dass es eben nicht „langsam mal gut“ ist, müsste man als Studentin eigentlich wissen.

      Und vielen, vielen Dank für dein Kompliment, das hört man doch immer gerne. 😀

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